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QuadrART Dornbirn

Seit 2009 präsentiert sich Quadrart als spannender Ort zeitgenössischer Kunst im Dornbirner Oberdorf. Die Präsentationsform ist eine sich permanent verändernde. Im Rahmen von Ausstellungen, Projekten, Vorträgen und Diskussionen soll der anspruchsvolle Dialog gefördert werden.

JOSEPH BEUYS
“Intuition und Erleben”

Arbeiten von 1964 bis 1986

Um es gleich vorweg zu sagen – Die über 100 ausgewählten Exponate in der Ausstellung stammen aus zwei Vorarlberger Privatsammlungen, die insgesamt einen Bestand von mehr als 300 Beuys Arbeiten ihr Eigen nennen. Keine der Arbeiten hier in der Ausstellung und in den Sammlungen sind verkäuflich.

Die Editionen und Multiples von Beuys – Alltagsobjekte, Druckgrafik, Postkarten, Plakate, Fotografien, Dokumente, Filme und Bücher – entstanden ab 1964 und nehmen im Werk des Künstlers eine Schlüsselstellung ein, da sie das ganze Spektrum seiner künstlerischen Ideen und politischen Aktivitäten reflektieren. In ihnen paraphrasierte Beuys die Inhalte und Formen seiner größeren Arbeiten, Aktionen und Performances.

Joseph Beuys hat den Begriff des Multiples, eine Kunstform der sechziger Jahre, in der sich künstlerische, soziologische und ökonomische Aspekte vereinen, radikal erweitert und ihr so einen eigenen Inhalt gegeben: Das Multiple als Ideenträger!

„Intuition“, „Aus dem Leben der Bienen“, „In Ilverich roch es damals noch nach Gras“, „Hirsch und Sonne“, „Staeck ist mein politischer Gegner“, „Guten Einkauf“, „Rose für Demokratie“, „Frau mit Schneeschuhen“, „Die toten Hirsche“, „Meerengel Spermwal“, „Capri Batterie“, „Celtic“ sind nur  einige wenige Titel der in Dornbirn gezeigten Werke. Titel, die sich dem Betrachter nicht immer direkt erschließen und oft befremdlich und teilweise absurd erscheinen.

Wer sein Wissen und seine Vergleichsmöglichkeiten aus der frühen Moderne zieht und sich mit der Entwicklung der Kunst nach 1950 wenig beschäftigt hat, steht bei der Bildsprache dies Ausnahmekünstlers vor lauter Rätseln. Die Kunst von Beuys zu vermitteln, egal ob es seine Environments, Skulpturen, Objekte, Zeichnungen, Aquarelle oder seine Multiples sind, fällt nicht leicht. Gerade deshalb ist er mit Duchamps der wichtigste Künstler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Werk basiert auf einem neuen, bis heute mehr denn je aktuellen Begriff „Kunst zu machen“ und „Kunst zu betrachten“, weg von der Exaktheit in der Darstellung und dem traditionellen Realismusbegriff.

So hat er nie versucht endgültige oder besonders schöne Kunstwerke zu schaffen. Übrigens ein Alleinstellungsmerkmal, das ihm kaum jemand streitig macht. Ganz im Gegenteil versuchte er mit seinen Arbeiten ohne jeglichen Pathos andere Aussagebenen zu generieren, wie unter anderem das Aufwerfen von antroposophischen, politischen, gesellschaftlichen und philosophischen Fragen und den Diskurs über Vergänglichkeit und Tod. Und das ist ein, noch besser gesagt SEIN erweiterter Kunstbegriff mit allen bekannten theoretischen Denkmodellen. Beuys entfernte sich damit vom traditionellen und konservativen Denken.

Er kämpfte Zeit seines Lebens für eine bessere Welt. Er wollte Utopien realisieren, deshalb war zu Leb Zeiten sein Credo: Kein Tun ohne Emotion, keine Handlung ohne Nachdenken, keine Tat ohne Zögern, keine Aktion ohne Spontanität, kein Tun ohne Kreativität. Die damit von ihm verbundene Hoffnung war: die Wahrheitssuche, die Selbstverwirklichung des Menschen, Lustgewinn, Rationalität, Intelligenz und Kreativität.

Betrachtet man vor diesem Hintergrund die exemplarische Auswahl der gezeigten Arbeiten und macht sich dann noch bewusst, auf was man schaut, erschließen sich vielerlei Berührungsebenen. Das Verständnis wächst, Vertrautheit wird spürbar, die direkten und radikalen Bildaussagen verlieren das Beängstigende und Bedrohliche.

Trotzdem ist Beuys nur verständlich im Zusammenhang mit seinen dargestellten Ideen. Beuys fordert, dass die Ansicht, die Rezeption seiner Kunstwerke, nur verständlich ist, wenn sie als Funktion seiner Ideen verstanden wird.

Zitat: „Ich versuche auf dem Papier eine Sprache zu entwickeln, die eine Anregung dazu gibt, Weitergehendes in die Diskussion zu bringen. Ich stelle Fragen, ich bringe Sprachformen aufs Papier, ich bringe auch Empfindungs-, Willens- und Denkformen aufs Papier und versuche damit Anregung zu geben. Ich will also stimulieren, ich will provozieren.“ *1

Diese Provokationen sind keineswegs als Selbstzweck zu sehen, sondern als ein Prozess, der dem des Therapeuten nicht unähnlich ist. Er selbst liefert jedoch keineswegs Interpretationen für seine Arbeiten, obwohl es von ihm zahlreiche Schriften zu seinen Werkgruppen gibt. Es geht ihm mehr um das Werk, als um das Wort: „Interpretationen halte ich für schädlich. Man kann etwas beschreiben, etwas sagen über die Intention, dann kommt man am dichtesten an die Kraft heran, die noch etwas bei den Dingen lässt, damit sie etwas bewirken können“, so Beuys.*2

Joseph Beuys begegnete ich zum ersten Mal auf der Documenta 6 in Kassel, wo er seine „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ persönlich präsentierte. Es handelte sich dabei um eine über mehrere Räume des Fridericianums verteilte technische Anordnung, die 150 kg Honig durch ein umlaufendes Schlauchsystem pumpte. Neben der Honigpumpe rotierte eine Kupferwelle in 100 kg Margarine. Seine Anwesenheit, sein Präsenz, seine Erklärungen regten die Besucher an und auf, niemand blieb unbeteiligt. Ich erinnere mich sehr genau an meinen Zustand: Eine Mischung zwischen Begeisterung und Unverständnis, zwischen Neugier und Ekel, zwischen Bewunderung und Ablehnung, ABER geblieben ist der Enthusiasmus.

Aus dieser Begegnung entstand eine lebendige Bekanntschaft und ich konnte mehre Male in meiner, sich zu dieser Zeit noch an der Stadtgrenze Frankfurt / Offenbach befindlichen Galerie, Arbeiten von Beuys zeigte. Auch für den Dezember 1985 vereinbarten wir eine „Quasi-Retrospektive“ seines grafischen Werkes. Geplante Dauer der Ausstellung: bis Ende Februar 1986. In dem 17 Meter langen, 10 Meter breiten und 7 Meter hohen Loft zeigte ich an der unteren Stirnwand aus jedem grafischen Zyklus NUR eine Arbeit. Insgesamt fast 40 Werke in Petersburger Hängung. Ansonsten war der Raum leer und hatte eine unglaublich kontemplative, ja sakrale Anmutung.

Während dieser Ausstellung verstarb Joseph Beuys viel zu früh am 23. Januar 1986.

Seine Kunst bleibt bis heute lebendig und herausfordernd. Sie zwingt auch ohne seine persönliche Präsenz zur Auseinandersetzung und Stellungnahme, denn sie ist nie nur Wohnzimmerdekoration, weil sein erweiterter Kunstbegriff dem entgegensteht. An Beuys scheiden sich bis heute die Geister. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte für eine Änderung dieses Zustandes. Er war zu Lebzeiten ein großer Beweger, von dessen Visionen und seinem Schaffen bis in die Gegenwart noch große Impulse ausgehen, ein Charismatiker, der viele in den Bann schlägt und viele beunruhigt. Entscheiden Sie, was die gezeigten Arbeiten mit Ihnen machen.

Erhard Witzel, 2019

Kontakt & Öffnungszeiten

Donnerstag bis Samstag17 bis 19 Uhr